Armenien gestern und heute – „Die Aschen der Opfer schlagen in unseren Herzen“.

Zu einer Theorie der armenischen Memorialkultur

[Jürgen Gispert]

35,00 

Interview mit Jürgen Gispert zu seinem Buch,
Sendung auf RadioBlau Leipzig, 27.08.2022, 16.00 Uhr

 
Wessen wird wie gedacht?
Dieses Buch präsentiert die Ergebnisse einer Langzeitforschung zur armenischen Kultur, bei der vor allem die Bedeutung der wechselhaften Geschichte und die spezifischen Eigenschaften des kollektiven Gedächtnisses auffallen. Darstellen lässt sich dies am Beispiel des Denkmals, das man sich generell als „Zeitmaschine“ vorstellen kann, indem es die Trennung zwischen Lebenden und Toten überbrücken und vergegenständlichen hilft. Das Genozid-Denkmal in Jerewan – seine Geschichte, baulichen Bestandteile und das mit ihm zu verbindende Ritual am 24. April offenbart die Besonderheiten des kollektiven Gedächtnisses der Armenier: die Einflüsse vieler Kulturen, autochthone kulturelle Ausprägungen, politische und sozio-ökonomische Abhängigkeiten, ethnische Spannungsfelder und Katastrophen sowie rituelle Handlungs- und Kommunikationsmuster. So werden die Bedingungen, unter denen sich armenische Identität und Memorialkultur ausbilden, fassbar. Zugleich wird deutlich, wie außerordentlich wichtig die Beschäftigung mit Erinnerungskulturen ist, weisen sie doch nicht nur zurück, sondern sind Anweisung für gegenwärtiges und zukünftiges Tun. Denn indem die Aschen in den Herzen schlagen, verbindet sich die Erinnerung an die unschuldigen Opfer mit der Trauer um diese, aber auch mit dem Ruf nach rechtmäßiger Rache und dem Kampf für die Freiheit des Vaterlandes.

Das einführende Kapitel stellt die Situation zu Ende und Beginn ethnologischer Forschung vor und geht die hieraus resultierenden Grenzen zwischen dem Forschenden und dem Fremden ab.

Kapitel 2 stellt die armenische Geschichte hinsichtlich des Verhältnisses von Innen- und Außenperspektive vor. Bei den Kontakten der Armenier mit anderen Kulturen (Griechen, Parther, Osmanen) tritt folgendes Phänomen auf: Das Fremde umgibt das Eigene wie konzentrische Kreise und ergänzt dieses als sein Entgegengesetztes. Andererseits aber taucht das Fremde oft im Zentrum des kleinsten Kreises auf – somit im Innersten des Eigenen. Aus der Außenwelt übernommene Elemente ersetzen nicht eigene Kulturelemente, sondern ergänzen diese. Dabei treten folgende Handlungsmuster auf: Imitation/Assimilation, Maskierung, Ergänzung und Inkorporation. Zudem sind Beziehungen festzumachen, die für das Verhältnis zwischen gezeigter und verborgener Kultur konstitutiv sind.

Das dritte Kapitel setzt sich mit den Gedächtnistheoretikern Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann sowie Pierre Nora auseinander. Anhand der Begrifflichkeiten der vorgestellten Theorieansätze treten konstitutive Elemente für das (kollektive) Gedächtnis hervor, ebenso wie Relationen zwischen Individuum und Gesellschaft/Kollektiv, Tradition und Moderne, Medium und Botschaft. In diesem Kontext und in Rückgriff auf die im Geschichtskapitel gewonnenen Erkenntnisse lassen sich Denkmäler analysieren, wodurch der herausragenden Stellung von Kunst und Musik in der armenischen Kultur Rechnung getragen wird – exemplifiziert am Kreuzstein, dem eine besonders große Bedeutung im Erinnerungsprozess zukommt, sowie an der Musik Komitas und Chatchaturyans. So werden die Bedingungen, unter denen sich armenische Identität und Memorialkultur ausbilden, fassbar.

Das vierte Kapitel widmet sich dem Genozid-Denkmal in Jerewan – seiner Geschichte, baulichen Bestandteile und dem mit ihm zu verbindende Ritual am 24. April. Der erbittert geführte Streit um den Genozid an den Armeniern 1915 und dessen Anerkennung betrifft vordergründig das Verhältnis zwischen der Türkei und der Republik Armenien, reicht jedoch tatsächlich weiter zurück und bezieht die europäische Geschichte ein. Das zeigt sich allein schon an der Begriffsgeschichte von „Genozid“, die eng mit Rafael Lemkin verbunden ist, und hinsichtlich der Einführung des Begriffs in das allgemeine Völkerrecht. Dabei muss die Betrachtung über die Ereignisse von 1915 hinausgehen, bietet aber zugleich auch Erklärungsmuster für aktuelle Entwicklungen, etwa mit Blick auf Berg Karabach.

 

2022, 492 Seiten, 15 Abb., 36 Tafeln (davon 8 Karten), Festeinband, 17 x 24 cm
ISBN: 978-3-938533-77-2

 

Gewicht 1,45 kg

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